Endlich weg! Nach großzügig aufgerundeten 2 Jahrzehnten endlich raus aus dem alten Leben, alten Grenzen. Raus aus dem Alltagstrott, raus aus der gewohnten Umgebung, dem Bekannten; weg von Ungeliebten/m und Geliebten/m, endlich rein ins Neue und Unbekannte; Erfahrungen, Chancen; rein ins Abenteuer und in ein neues Leben.
Das ist, was ich verstärkt während der letzten Monate dachte und wollte; wonach ich strebte und strebe und was ich mir weiterhin gerne vor Augen halten möchte.
Die Reise begann letzten Samstag, den 26.9., am späten Vormittag. Nach letzten Abschieden Freitagabend und Samstagmorgen bis -mittag, ging es endlich in den Flieger – für mich wohlbemerkt das allererste Mal.
Da wir (Vater, Anne, Susi, Tim und ich) an diesem Morgen alle ein bisschen verplant waren, musste es schnell gehen, was alles doch sehr viel leichter machte und viel von emotionalen Ausbrüchen nahm.
Der Flug war laut, eng und wunderbar die Aussicht. Oh, es ist unglaublich schön so hoch über den Wolken, scheinbar ein Teppich aus weicher weißer Watte, und alldem zu sein, was sonst immer so riesig wirkte! Innerhalb der ersten wenigen Minuten war der winzige Fleck Leipzig hinter mir, nach nur knapp 2 Stunden schon die gesamte Strecke von Altenburg nach Edinburgh geschafft. Unglaublich wie klein die Welt doch ist, wenn man sie nur aus der richtigen Perspektive sieht. :-)
Gerade angekommen, wurde ich auch sofort von Emma, einer wider Erwarten recht kleinen, zierlichen, blonden, hübschen, noch recht jungen Frau abgefangen, welche mich sofort zu meiner Wohnung brachte, die praktischerweise auch direkt über einer meiner zwei Einsatzstellen liegt.
Natürlich ging es nicht sofort in die Wohnung, sondern zunächst ins Office – mir mussten ja erstmal alle vorgestellt werden. …Das ganze gestaltete sich zunächst ganz normal. Ich kam rein, traf auf Angestellte und Service User, Namen wurden gesagt und sofort wieder vergessen. Soweit alles wie immer. Doch der üblich folgende Smalltalk gestaltete sich doch sehr schwierig... Im Falle der Service User schob ich es zunächst auf physisch bedingte verbale Einschränkung, als ich nicht verstand. Doch die Angestellten betreffend...Es war wie eine komplett andere Sprache – mit skandinavischen und osteuropäischen Einflüssen. Ich verstand nichts! Gut, dass ich Emma, welche alles in ein verständliches Englisch übersetzte, zu diesem Zeitpunkt noch an meiner Seite hatte.
Die Wohnung sah auf den ersten Blick ansatzweise nett...kahl, leer aus. War noch ein bisschen durcheinander – das Wohnzimmer musste noch in ein bewohn- bzw schlafbares Zimmer umgewandelt werden – was allerdings nicht groß störte. Entgegen all meiner sonstigen Präferenzen nahm ich das rosane, bald bemerkt nicht gesäuberte Zimmer, mit Ausblick auf Eingang und Hof.
Der nächste Tag begann erst spät, was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass es Ewigkeiten brauchte, den Schalter für die Dusche zu finden (hier gibt es für alles einen Schalter. Strom, Wasser, Türen, Fenster....), mit Erkundung des lokalen Supermarktes und der Umgebung, verbunden mit einer ausgiebigen Wanderung an der Nordseeküste. Nachdem mich am Vortag, im Auto sitzend, der Linksverkehr nicht groß gestört hatte, musste ich nun an jeder Straße neu überlegen aus welcher Richtung die Autos kommen, welche hier üblicherweise einen höheren Rang haben und mal eben ohne zu bremsen einfach auf Passanten zusteuern. Ha, aber Pech gehabt, liebe Stadt. Ich war schneller! Auch die viele Hundekacke, die runtergekommenen pappwändigen, nicht gedämmten Häuser, Dreck und allmorgendlicher Lärm in meinem vom Schlosser liebevoll als „Beirut“ bezeichneten Viertel, die Kälte und der Regen haben mich noch nicht vertrieben. Da reichte auch der ablandige Wind am Sonntag noch nicht ganz aus, um mich von der Insel zu pusten. Hätte ein Surfbrett da gelegen, wäre die Chance größer gewesen. :-P
Montag sollten endlich meine Mitbewohnerinnen kommen. Erst Annika, oder auch Acker, am Morgen, mit welcher ich zunächst unser von vorigen Volunteers mit Kükenpostern wunderhübsch gestaltetes Wohnzimmer etwas veränderte. Die Poster und anderes seltsames Zeug kamen als Begrüßung in Raquels neues Zimmer. Die Möbel wurden noch bis in die Nacht umgestellt.
Bis Raggl kommen sollte, erkundeten wir noch ein wenig die Stadt. So gut es ging. Denn schon am Vortag war mir aufgefallen, dass es einem als ungeübten Edinburghbewohner mit Orientierung und Fortkommen nicht unbedingt leicht gemacht wird. Straßen sind nur selten beschriftet, Busse fahren nahezu überall, ebenso wie Haltestellen überall rumstehen. Nur hängt nirgendwo ein Übersichtsplan der Busse aus. Nicht alle Haltestellen haben Namen und da auch erstmal die zu finden, an welcher der gewollte Bus auch hält....nahm uns anfangs gut anderthalb Stunden.
Dienstagabend – Pizzaabend – trafen wir zwei weitere, der insgesamt sechs Volunteers. Christina und Muamera. Ab Pizzaabend mit Emma und anschließender abendlicher Erkundung der Altstadt der Volunteers, haben zumindest wir letzteren sehr viel Zeit miteinander verbracht; nicht nur aufgrund des Trainings, der Vorträge und Seminare, der letzten beiden Tage.. Aus diesen vielen Stunden musste auch eigentlich nur mitgenommen werden: wash your hands, trigger off the fire alarm, wash your hands, don't harm and don't abuse und natürlich wash your hands! Naja warum nicht. Darüber könnte man mal nachdenken ;-)
Die Menschen hier sind übrigens überwiegend sehr freundlich, zumindest haben sie den Anschein, auch wenn man sie nun mal nicht immer versteht, wobei selbst das nach dieser ersten Woche nun schon weitaus besser klappt. Seltsam sind sie auch ein wenig...bilden ewig lange Schlangen, die sich über hunderte Meter erstrecken, nur um 20% Rabatt in einem Kleidungsgeschäft zu bekommen. Und bauen Schulen, welche man locker mit Hogwarts verwechseln könnte. Gut, aber irgendwo muss Harry, welcher nebenbei bemerkt in unserer Abstellkammer wohnt, ja auch zur Schule gehen. - Dahin hat er vermutlich auch unseren dringend benötigten Staubsauger verschleppt, welchen wir nie hatten. Noch so ein Ding und ich setz ihn auf die Straße – einziger Unterschied zur derzeitigen Situation wäre da wohl nur, dass es tagsüber heller und er insgesamt nicht mehr vorm Regen geschützt wäre...Naa obwohl besser nicht. Am Ende flieg ich aufgrund von abuses noch aus dem Projekt.
Dussel, Schussel und Fussel grüßen.
PS: Ein schottisches „hofofusch“ (o wie in morgen) – was mag das auf Deutsch heißen? [zuvor Berichtete sind nicht berechtigt, diese Frage zu beantworten]